Die Konzentration leidet daran. Nicht nur die intellektuelle Zuspitzung, sondern auch die Konzentration der Menschen an sich, mit allem was sie ausmacht. Man verwässert, man wird verdünnt, verdünnisiert sich, wohl nicht ganz und gar, aber merklich und immer mehr. Man merkt es im Laufe des Tages, wenn einen abends der Kopf ausleert, und im Laufe aller suchenden Jahre, in denen man sich selbst dann doch nie über den Weg gelaufen ist. Das allgemeine Weltgeschehen, entgegen verbotenerweise populär gewordener Spezialisten, ist weder an einer einzigen noch an zählbaren Kräften festzumachen – denn es herrscht jetzt endgültig das Mandelbrot-Männchen! Der Fortschritt, vor allem der technische, der uns so messianisch vorkommt, macht unser Leben nicht nur ein bisschen besser und ein bisschen schlechter, allem voran streckt der Fortschritt (die fortschreitende Zeit) das Leben, er macht mehr daraus - was, gerade wenn so viel passiert, doch wie gerufen kommt!? Wir sind jetzt der Wein, den der gierige Wirt ordentlich mit Wasser panscht. Dazu muss man sagen, das den auch manch Einer geniesst.
Es droht uns allen, wir haben beinahe keine andere Wahl, nicht einmal die Buschmenschen mit ihren kleinen, feuchten Fernsehern. Wir verwässern alle. Der gesunde Anteil des Eigenen am Selbst verringert sich: aus Schnaps wird eine wässrige Lösung, aus feurigem Rot wird ein fahles Rosa, aus dem Genie wird ein Kettenglied, aus einer Idee werden tausend Verfahrungen, und Archive dafür. Der Vergleich mit der Vergangenheit erübrigt sich meinerseits, denn ich habe sie vergessen. Vor lauter Gegenwart, geschieht ihr was sie verdient - sie existiert nun tatsächlich nicht mehr. Ich spreche also von und aus dem Jetzt. Ich ereifre mich an den Dingen, die von Minute zu Minute Tendenzen sichtbar machen. Es geht um die minimalen Umstände des Jetzt, um die farbliche und geschmackliche Komposition der neusten Entfaltung des schizophrenen Zeitgeists. Wie immer, macht auch heute, alles was heute ist, das Heute aus - das ist mittlerweile viel zu viel. (Es war immer schon zu viel, aber dafür unsichtbar; in der theoretischen Frühzeit des unvorstellbaren Universums, damals unbeobachtet, anspruchslos.) Und vielleicht war der Zeitgeist auch noch nie so "up to date" wie heute. Vielleicht konnte dieses gesättigte Jetzt auch noch nie so schnell und so einfach und so vielfach in mein Hirn und Herz vordringen. Vielleicht war ich noch nie so schwach. Heute Morgen, scheint mir, musste ich noch länger warten, und zwar auf weniger zahlreiche und insgesamt geringere Dinge als jetzt. Und in dieser Wartezeit konnte ich mich selbst sein, konnte erfahren wer ich bin und was mich ausmacht. Und vor ein paar Wochen, vor ein paar Wochen konnten die Nüsse noch den ganzen Sommer lang im Grappa zeihen, und im Winter erwarte man einen wunderbaren Ratafia. Hatte man gehofft. Längst überholt. Anrufe bekommen. Post bekommen. Zeitung gelesen. Bilder geschaut. Ins Netz gestarrt. Neuer Mensch geworden - mit neuem Plan. Nach all dem macht mich nicht nur das ohnehin vage Selbst aus, sondern alles und jedes Hinterletzte, Allerneuste aller Anderen auch - das verdrängt mich. Und im Winter erwarte ich, statt Ratafia, eine neue Depression. Das kennen wir, unsere Grosseltern kennen es auch, aber aus einfacheren Gründen: Das Leben war hart und wer will schon frieren? Heute nennen wir das Leben leichter und es friert auch niemand mehr, aber alle werfen sich im Winter aus dem Fenster.
Es stimmt etwas nicht. Es hat noch nie etwas gestimmt. Der Eifer eine Stimmigkeit zu finden, entfernt uns zudem scheinbar immer weiter von dem, wie es nun einmal ist, ob es, welches darüber steht, stimmt oder nicht; das Selbst nämlich, das Unverwässerte.
Wer euphorisch im Zeitgeist schwimmt, ist schon halb Hybride. Nass, vor lauter anderem; taub gegenüber sich selbst und allem Puren. Er streckt sich schmerzlos im Gleichschritt mit der Mehrung der Dinge. Er sieht darin, wenn überhaupt, den Anfang einer Transition, die nicht ohne Schmerz und Verwirrung ist - aber, Gott sei Dank, einem guten Zweck entgegenstrebt! Irgendwann, so hofft und glaubt der jüngste Homo Faber, wird der Mehrwert sich in der Konsolidierung der Menge zeigen, in einer Art Supernova; sobald genügend Masse vorhanden ist, und kritisch wird. Spezialisten nennen diesen Moment die Singularität und trauen ihr allerlei Unvorhersehbares zu. Jene Jünger betreiben übrigens umgekehrten Religionswahnsinn: Mit offenen Augen in die Dunkelheit - anstatt mit geschlossenen Augen ins Licht. An vielen geht natürlich dies beides, und auch alles Andere, vorbei. Sie sind das Kontingent, welche sich das Weltgeschehen fortwährend als kollaterale Dumpfbacke für kommende Genozide bereithält, oder für kommende Erlöser.
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