Der Schauspieler als Mensch und das Schauspiel des Menschen.
Man tut und überlebt und geht seines Weges bis man geht. Man tut, man wird dabei gesichtet und für den Wert des darin erkannten von vielen beurteilt, und von einigen bezahlt. Tun und Publikum sind in jedem Leben vorhanden. Sie kommen im Doppelpack, sind voneinander abhängig und ergeben zusammen den Menschen, der im Grunde Schauspieler ist. In Folge ist der Schauspieler ein ganz besonderer Mensch, ein doppeltes Lottchen nämlich.
Das Tun sei eine Folge der Persönlichkeit, heisst es, es sei die Reaktion auf ein kompliziertes Hin und Her von Innenwelt und Aussenwelt. Warum auch nicht? Aber warum sollte man, wenn im eigenen Leben die Karten so oft von fremder Hand gemischt werden, von einem Leben mit einem Charakter sprechen, und warum sollte man dabei hoffen, sich selbst und seine Freunde jemals gut zu kennen?
Wir mögen während unseres Lebens einen Körper und einen Namen und die eigensten Marotten haben, aber schon passiert etwas unvorhergesehenes und unser Verhalten ist nicht mehr wieder zu erkennen. Das wir zu dieser Abweichung fähig sind, steht im Dienste unseres Lebens, gleichsam ist es der Hinweis darauf, das wir eben keine unbeweglichen Originale, sondern Schauspieler sind - Menschen, die nach Rollen leben, und, auch wenn die eine eine Liebste ist, in der Not zur Andern wechseln oder improvisieren können. Daran ist nichts peinlich. Man geht zwar spielend, aber immerhin sich selbst spielend, des Weges. Derart ist der Ernst des Lebens.
Das Zusammenspiel von Innenwelt und Aussenwelt, das ist der innere Antrieb, der in der Mitte unseres Herzens liegt und uns fortwährend das Buch nach dem wir handeln schreibt, während wir, am Rande des Herzens danach spielen und uns gleichzeitig, auf dessen Oberfläche, zurücklehnen und beurteilen. Es sind zwei zweiseitige Beziehungen in uns. Eine zwischen dem Autor und dem Schauspieler, eine zwischen dem Schauspieler und dem inneren Publikum, aber niemals, vielleicht erst wenn das Herz aufhört zu schlagen, wird der Autor dem inneren Publikum bekannt gemacht. Das Theater und seine Dreifaltigkeit nimmt auseinander und institutionalisiert, was schon in jedem Einzelnen vereint ist und ihn zum perpetuum mobile macht. Dabei kommt es darauf an, worin es sich bewegt. Das Wasser welches über die Schaufelräder unseres mobile gefallen, sie durch selbstüberwindende Steigkanäle abermals erreicht, färbt sich mit der Zeit, und je nach dem wohin wir treiben anders.
Ein Schauspieler ohne äusseres Publikum, oder ein Mensch ohne sein inneres, wäre, da er so zu keiner Iteration genötigt würde, der originellste Mensch - ein “Mensch an sich”. Um sich einen solchen vorzustellen, müssten wir in unsere Tiefe gehen. Wer ist dieser schwarze Klumpen der wir sind? Er ist nie ganz zu erkennen, denn er veräussert nur. So wie die Sonne strahlt und blendet, sehen wir nie in ihren Kern. Dies ist nicht abzulegen, da der Schauspieler, der wir nun einmal sind, mit seinem eigenen Publikum ausgestattet, und zur ewigen Sichtung seiner selbst gezwungen ist. Womit wir es zu tun haben, sind nicht herzuleitenden Ableitungen des Originals - immerhin. Selbstreflexion, so wie wir es verstehen wollen, gibt es also nicht, höchstens Nachdenken. Und darin ist ein vages Kennenlernen möglich. Als kritische Betrachter der Rollen die man entwickelt, werden uns Rückschlüsse erlaubt, welche die Umrisse des Selbst schemenhaft erkennen lassen. Dabei kann uns gefallen was wir sehen, oder eben nicht. Wir werfen Rosen auf die Bühne, oder Eier, schreien, weinen, lachen und nässen, so umschmeicheln oder geisseln wir den verborgenen Schauspieler und den unsichtbaren Autor - in dieser Weise schrauben wir an unserem Glücklichsein, indem die Beziehung zwischen diesen Teilen von uns, immer eine tätige ist. Zuerst all dies, erst an zweiter Stelle kommen unsere Freunde, unsere Zuhörer und Mitspieler als Publikum der Aussenwelt ins Spiel, dafür haben sie im Gegensatz zum Inneren Publikum, einen direkteren Draht zu unserm Innersten, was daran liegt, das jeder nur sich selbst eine so blendende Sonne ist, aber nicht den anderen.
Beim Schauspieler ist beides doppelt vorhanden, sowohl das Schauspiel, als auch das Publikum. Von den Kunstformen hat keine das Leben derart gedoppelt, wie das Theater, und indessen auch der Film. Nicht jeder schriebt, nicht jeder liest, nicht jeder malt, und wenige denken, zumindest nicht auf die institutionalisierte Weise, welche die Kunst, sobald das Wort gesprochen ist, dem Künstler, oder dem Philosophen, auferlegt. Ob Künstler oder nicht, jeder lebt und spielt, ob Schauspieler oder nicht. Also ist das Theater die unmittelbarste der vielen Verarbeitungen und “Verkunstungen” des Umstandes das wir alle sind, und unser Leben lang tun, sprechen, hüpfen, singen, denken - so eben, wie im Theater.
So kann man durch den Schauspieler, und wie er eher veräussert, als das er nachdenkt (was dem Schreiben gleichkommt) die auf- und ausführende Natur jenes Teils von uns erkennen, dessen wir am bewusstesten sind.
Innerlich gut vernetzte Menschen können gut improvisieren, von Tag zu Tag, so wie auf der Bühne - sie bräuchten aber kein Theater, um gute Menschen zu sein.
Und was macht sein Doppelspiel aus dem Schauspieler? Wohl nicht mehr als einen Menschen, mit dem Wahnsinn seines gleichen. Die Frage ist also eher: Aus was macht dieses Doppelspiel einen Menschen? Aus welchen Kreaturen werden, dadurch das sie Schauspieler sind, Menschen? Es sind solche, denen das innere Publikum abhanden kam. Entweder ist es stumm, oder es hat das Theater verlassen, und nur die üblichen Verdächtigen in den Sitzreihen zurückgelassen: den Schlafenden, den Werfenden, oder den Schreienden. Als Reaktion auf einen der drei, um ihn zu wecken oder um zurück zu schreien, spielt der Schauspieler, und als einer dieser drei, denkt er nach.
All dies ist bezeichnend für den Schriftsteller, dessen Schauspieler besser mit seinem unsichtbaren Autor, als seinem nahen inneren Publikum zurecht kommt, somit nur Belangloses aus der Tiefe schöpft und der von den Monologen die er sich auf der Bühne sprechen hört, zwar recht taub geworden aber im gelangweilten Geist seines inneren Publikums zum Erbauen von bewohnbaren Luftschlössern befähigt worden ist.
1 comments:
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