Wednesday, July 13, 2011

11. Juli 2011, Berlin

Der Unfall beginnt mit einem Gefühl. Über das Gefühl fällt ein Gedanke. Darüber fällt ein Wort. Und über dieses Wort fallen weitere Worte und jedes Wort, das fällt, verunfallt. So wird aus dem Leben plötzlich eine Massenkarambolage, ein Text. Und im Text versuche ich den Schaden, den er verursacht, einzuschränken. Ich versuche dabei das Beste daraus zu machen. Ich suche schliesslich ein letztes Wort, ein Ende dafür. So wird aus dem Text eine Bibel und wenn ich sie lese, versuche ich nach ihr zu leben, versuche ein anständiger, guter Mensch zu sein (in den Augen des Textes und der Texter und der verdammten Kritiker). So wird aus dem Text ein Leben. So wird aus einer Geschichte ein Glaube. So verändert sich mein Leben seit ich schreibe was ich denke dass ich schreibe was ich glaube ist was ich schreibe das mein Leben sich seither verändert es sich auf die merkwürdigste Art und Weise.

Aber was ist das für ein Gefühl, über das dieser Gedanke fällt? Es ist eine Art Sprachlosigkeit die mich immer schwerer befällt, je länger ich schreibe. Dies war eine Hürde die ich gesprungen bin, aus Not dem mich jagenden zu entkommen. Da stand ich einfach still und liess es mich einholen, mich überfallen, fressen. Aber da kam nichts. Da verschlug es mir die Sprache, und mit der Sprache verschlug es den mich Jagenden, die Not und auch die Hürde. Jetzt springe ich auch ohne sie. Es braucht kein Entsetzen mehr, und keine Euphorie, um mir die Sprache zu nehmen. Die Fähigkeit dazu, verleitet mich dazu. Sobald es darum geht, etwas zu sagen, lauter - Nichts. Und wenn dies eine Auslösung wäre, wäre ich erlöst. Aber dann kommt der Gedanke, der das Fehlen der Worte feststellt, und beginnt darüber, oder darum herum, daher zu sprechen. Irgendwas zu sprechen, zu schreiben. Was auch immer den Raum füllt und klingt und Ordnung macht. Und diese heiklen Erfindungen liegen dann wie Öl auf dieser Strasse. Und dann sind da schnelle Fahrzeuge und vielleicht sogar Figuren. Eine falsche Bewegung (Die Hände an die Tasten). Ein falsches Wort (“Unfall”). Ein dummer Gedanke (Es so furchtbar Ernst zu nehmen). Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Niemand überlebt. Aber es lebte auch nie jemand. Die Knochen der Körper der verunfallten Worte reibt der Teer zu Staub und die langen Streifen von Blut füllen mit der Zeit den Raum zwischen den Weissen Linien der Strasse und die Einzelteile der Wagen häufen sich zu künstlichen Moränen, die die leicht geschundene Natur am Strassenrand leicht wieder einnimmt. Was ist hier passiert? Wer weiss. Vielleicht eine Naturkatastrophe. Vielleicht ein Unfall, menschliches Versagen. Niemand hier, der es sah. Es ist nur Text. Jetzt ist er da. Kam von hier, kam von dort, wie der Wind, nach unergründlichem Prinzip. Eigentlich: darüber gibt es nichts zu sagen. Aber: darunter.

Damit von selbst davon abzukommen, verbrachte ich die letzten Monate (Jahre) als0 auf dieser viel-befahrenen Strecke (Nächste Ausfahrt: Hildesheim).

Thursday, December 23, 2010

23.12.2010, Gachnang

Wer ins Netz starrt, wer unter Leuten ist, die ins Netz starren, wer nur schon regelmässig seine Zeitungen, Magazine und Sendungen liest und hört, der weiss, es gibt kein Nachkommen mehr, es helfen nur Filter, Archive und schliesslich Vergessen. Und wer dieser Tage aufmerksam sein will, dem stösst zusammen mit den Informationen immer auch das dazugehörende Fragepaar zu. Lasse ich mich darauf ein? Was mache ich damit? Gesichtete Informationen, ob freiwillig oder nicht, verlangen eine Reaktion auf ihre Anwesenheit - also auch von dem, der sich ihrer nur entledigen will, nichts anderes als eine Tate, eine Anstrengung. Das Gehüpfe meiner Gesellschaft ist bestens verständlich. Das Plappermaul, das die Welt befallen hat, kommt in der Gestalt eines irr gewordenen Robin Hoods daher, der jede Information über die er stolpert aufhebt und an die Reichen, aber auch an die Armen und an die Toten verschenkt, die dann alle aus ihren Palästen und Gassen und Gräbern kriechen, um sich irgendwie damit zu befassen. Und so wie sie aus ihren Palästen und Gassen und Gräber kriechen, schliesst der Wind manchmal eine Tür hinter ihnen und dann kommen Könige nicht umher in Hütten zu ziehen, Schlucker in Paläste und manch ein Toter in ein neues Leben. Und so wie sich vor unserer Augen diese Wunder abspielen, befeuchten sie unseren vertrockneten Glauben mit dem heiligen Wasser des Fortschritts. Und so wie unser jeder Fortschritt, ist auch dieser einer hin zu einer Art von Gott. Bis vor seine Füsse, bis unsere Lippen sie berühren, und wir ins Leere küssen. Meine Gesellschaft tanzt also im elektrischen Licht des heilbringenden Seelenlosen voran, öffnet die Augen, die Ohren, den Mund, die Nase, den Hintern und lässt, was entgegen strahlt, eintreten - hemmungslos, aber nein, nicht ohne es dann zu bewerten, nicht ohne daraus Schlüsse zu ziehen, nicht ohne deswegen nicht über das Geistige hinaus Tätig zu werden und nein, auch nicht ohne dabei wie Fahnen im Orkan zu flattern und sich dabei an den Enden aufzulösen.
Und die öden Heiden, die sich zusammenrollen wie Igel?
Die haben damit zu kämpfen, dass wenn sie ihre Körper mit jeder einschlagenden Information erneut im Willen sie abzuwehren anspannen müssen, sie auch jene Brocken abwehren, die ihnen lieb und glänzend scheinen, und so wie sie sich denen dann reuevoll ein Spalt weit öffnen, werden sie sofort gesteinigt. Wie die Fahne darin flattert, so rollt der aufgerollte Igel vor dem Wind hin und während er sein Gesicht in seinen Bauch drückt, malt sein Kopf sich aus, was ausserhalb von ihm passiert. So unterscheidet sie wie die Sehenden von den Blinden der Luxus durch bereitgestellte Bilder mit der Welt in Kontakt zu treten, anstatt mit hausgemachten. Aber wir wissen es doch, wollen es uns aber nicht ansehen lassen: Nur was die Besten zu Hause machen, schmeckt wirklich gut. Andererseits würgt man ja auch gerne im Auftrag der heiteren Dogmen.
Aber was nun? Was ist zu tun?
Wenn meine Gesellschaft eine Hure ist, dann will ich ein Kastrate sein und wenn sie dennoch kommt, die Perverse, und ich mich ihr dennoch verweigere, dann soll dies kein Ende sein, im Gegenteil, eine Tat muss es sein: Es ist der Gang in den Keller. Und wo keiner ist, da wird gegraben. So stösst man vielleicht auf Kumpel.

Wednesday, October 20, 2010

20.10.2010, Berlin

Es stimmt schon, wir sind die Huren der Gewohnheit und auch der Revoluzzer kann es nicht anders haben. Was neu ist, fühlt sich anders an. Und bevor es überhaupt soweit ist, muss man sich überstürzen lassen, und das fühlt sich auch für den, der nichts als das will, wie Überstürzung an. Wenn ein langjähriger Gefangener frei kommt, könnte er hiervon eine Geschichte erzählen, von der er weiss, dass er sie besser für sich behält. Auch der Pyromane könnte davon berichten, wie oft er das Zündholz viel zu früh von der Lunte zieht und rennt, aus Ehrfurcht vor der ersehnten Feuersbrunst, die er dann doch nur als Blindgänger in der Erde stecken lässt. Überwindungen melden sich nämlich von selbst an. Dabei werben sie nicht damit, dass sie verschütten, und, dass darauf Neues wachsen kann, sondern mit der reinen Gewalt, die dies überhaupt möglich macht. Was wir und unsere feinfühligen Hunde dann in der Oktoberluft riechen, ist kein Geisterbote sondern unsre gute Erfahrung. Sie weiss, lange bevor wir uns an die Arbeit machen, um die Energie der ein jeder Umbruch bedarf, sei es ein Schritt, sei es ein Sprung, oder eine grosse neue Idee, die es, so wie sie sich unserer Leidenschaft aufbindet, gleich umzusetzen gilt. Ja, der Wille ist der Weg, aber nur an gerade an sie Sache heran. Dann, wenn man in Erwartung der Kaventsmänner im Boote sitzt, muss man sie erst einmal über sich hereinbrechen lassen. Und dies braucht Mut, und der Mut ist eben an den Glauben gebunden, und der Glaube schwebt eben nur in der Luft, und in der Luft fliegt eben allerlei, so stürzt man bald in den Boden, und dann weiss man, woran man ist, und das ist allemal nicht viel. Deshalb lassen wir uns vom Strande reissen, lassen uns eines besseren belehren, ersparen unserem Eigensinn zu scheitern, und ermöglichen, ganz aus Versehen, die praktische Gemeinschaft. Darin findet das Lebens statt, auch das des fantastischen Wirbelwinds, der es mit Ignoranz statt Wiederhaken, zu einer attraktiven Geschwindigkeit bringt. Aber die erstrebenswerten Exzesse finden in längst abgesteckten Feldern statt; die Karriere zum Beispiel, der Reichtum, das Glück, oder die Kunst. Zu den Dingen nach denen wir ein Leben lang streben, sind die wenigen möglichen Wege vorgegeben. Setzen wir uns aber einmal hin um zu verschnaufen, oder kehren wir sogar um, sind dem Leid und der Armut keine Grenzen gesetzt, denn mit diesen Dingen befasst man sich nicht, und wenn man es tut, dann von oben herab, oder so, das man kurz darauf daran stirbt.
So liegt man nur im Bett und träumt von einer besseren Welt. So liegt man nur im Bett und erzählt sich, wie man es gerne gehabt hätte. So liegt man nur im Bett und stellt sich vor, wie man es gerne für alle hätte. So liegt man nur im Bett und fragt sich wer man ist, aber wenn man sich selbst ist, liegt man nur im Bett.

Thursday, September 30, 2010

22.9.2010, Berlin

Versucht die Verwirrung mit ihren flatternden Papierbändern die Tinte im Wind zu fangen, so kommen allerlei Fragen auf ihre offenen Enden zu stehen. Wie ihr dabei das Feuer über den Irrweg läuft, fragt sie es also: Womit soll ich mein Leben verbringen? Dann brennt die Verwirrung schon an, und glimmt langsam bis zum Kern, ascht seine Zappelglieder langsam nieder; zuerst die Haare, ganz schnell, dann brennt die Haut lichterloh wie ein Docht im Fett des Fleisches, dann knistern die Knochen, langsam glimmen und verkohlen sie, dann verschwinden die letzten Stümpfe, und erst kurz bevor das kugelrunde Herz verbrennt, herrscht Klarheit über das, was Leiden schafft und dann löst sich die Verwirrung auf.

Es ist zu spät für ein naives Leben. Die Fragen sind gestellt, die Eskorte zum Tod bestellt.

Der erste Grund des Wollens ist früh abgebrochen wie ein Korken, und steckt jetzt noch, zusammen mit dem Universum, in der grossen Flasche. Mit dem Wollen kommt die Tat, sie ist der zweite Grund. Mit ihr erst fängt das Leben an, und jede Leidenschaft.

Ich lese seit ich denken kann. Seit diesem beweglichen Zeitpunkt, der den Grenzmoment meiner schwindenden Erinnerung begleitet. Einige Jahre und viele Bücher waren es trotzdem. Dieses Lesen folgte schon anfangs primitiven geistigen Prägungen, nichts edlem. Zum Beispiel meinem romantischen Aberglauben und meiner Mystik-Lust. Sicherlich lese ich nicht, weil es Spass oder Wissen macht, ich es deshalb will, auch nicht weil ich immer wieder dazu geheissen wurde, ich es deshalb muss - zunächst lag das Buch einfach in der Hand, dann machte es jenen Eindruck auf mich, auf den ich mich mit ihm einliess.

Zunächst lagen die Bücher also in der Hand. Ich schlug sie dann auch meistens auf und las. Ich las abergläubig bis zum Ende, pausenlos und leidend, um nicht auch diese Welten immer wieder in Scherben zu sehen und ich las pausenlos und leidend um die Geschichte des Judentums in den Worten Chananja’s, meines Kammeraden von nebenan, nicht noch einmal, nicht noch einmal, hören zu müssen, und ich las pausenlos und leidend weil mich die Schläge der Titel und der Einbande der Bücher dazu zwangen; Ich hätte sonst jede ungelesene Seite selbst erfinden müssen. Lesen statt schreiben. Später muss man dann auch mal schreiben, anstatt zu lesen. Weil sich die vielen Sätze nach all den Jahren im Kopf von den Seiten der armen Autoren gelöst haben, sich zersetzen, versammeln und beginnen sich als andere Geschichten aufzudrängen, - auch so kann man Autor werden: Als kupfernes Überdruckventil der geistigen Bibliothek. Dann sitzt man vor den Tasten und sucht ein Becken.

Aber ich schreibe nicht.

Auch zuviel Musik gehört - also Schriftsteller geworden. Musiker und Schriftsteller sind trotz der kalten Fremde in ihrer gegenseitigen Bewunderung fast gleich, was erklärt warum sie sich sehr seltenen in einer Person treffen. Der Maler fängt auch nicht an zu malen, nachdem er schon längst Maler ist!

Aber ich schreibe nicht.

Und das Lesen vergeht mir. Alles ist noch zu lesen und alles ist noch zu schreiben - es ist nicht zu bewältigen. Was derweil bewältigt wird sind die Eitelkeiten und der Schwachsinn, dies wird verkunstet und zum Mantel gemacht, in dem man lächerlich aussieht. Jeder neue Text ergänzt die schwarze Liste der reinen Gedanken die von Hunden aufgegriffen und von Hundefängern herausgegeben nun wieder gut zu machen sind, vom Autor, vom Leser und vom Betrieb der die verbindet, zu reinigen sind.

Wer, wenn nicht wir, soll denn diese reinen Texte schreiben, die uns das Texten immer wieder institutionalisieren lässt? Wer schreibt die Texte aus denen die Idee der Literatur besteht und nicht ihr Morast, die Texte, die uns nach alter Manier glauben lassen und Hoffnung schenken? Wer hat diese Texte je geschrieben? Der Autor nicht; er war es sicher nicht. Wenn Autoren hinter Texten stehen, was sie fast immer tun, sieht man sie am Rande ihrer Texte stehen, in der rechten Ecke der Seite rechts, unten. Dort sieht man sie auf ihren Seitenzahlen balancierend winken und an ihren Einstecktüchern fummeln. Das lenkt furchtbar ab.

Man sollte seinem Buch niemals Seitenzahlen geben, dann erübrigt sich auch der Balanceakt des eitlen Autorenfigürchens, es fällt nämlich in den Abgrund. Und der muss tief genug sein, damit es möglichst zerschellt, wenn es unten ankommt. Der Autor hat keine Rolle in der Literatur, er soll sie nicht haben! Die Frage stellt sich nach dem Menschen, und danach ob er etwas zu schrieben hat. Ein Mensch der etwas zu sagen hat genügt nicht. Wer etwas zu sagen hat, soll es einfach sagen. Wer etwas zu schreiben hat, der kann schreiben.

Ich sage nicht viel. Und schreiben tu ich nicht!

Die Person die ich bin, ihr verwirrtes Streben nach anderen Versionen, ist vor mir ein Abbild aller Anderen zusammen. Die beliebige Fensterscheibe die man einmal war, bekam mit dem metallischen Hauch der vielen die daran klebten, die ausgestellte Waren dahinter begehrten, einen spiegelhaften Glanz. So sieht jeder im anderen was er sehen will, meistens sich selbst - Und man selbst in sich selbst, alle anderen. Was habe ich getan um so zu sein wie ich bin, heisst also: Wer ist denn ich, um mich zu mir zu machen? Heute mehr den je, jene die uns in jedem Moment anschauen. Die Publikumshorden; ein chaotischer, gesellschaftlicher Kreis. Also gibt jetzt keine einfachen komplexe Personen mehr. Der Einzelne verliert seine Komplexität im Spiegelsaal, rutsch dafür aber in die Vielzahl. Dass wir einen einzigen Körper haben, beginnt nun neben der geistigen Krankheit zum Dilemma für den modernen Menschen zu werden. Jeder von uns kann wie ein Scherenschnitt auseinander gezogen werden und sich zu einer Gesellschaft entfalten, die so breit ist wie jene die ihn gefunden und der er sich ergeben hat. Fachmann, Trottel und auch Mutter und Vater wären dabei, jeder als Geist einer alten Zeit, flach, “superflat”, dafür in grosser Anzahl. Jeder hat es in sich jeder zu sein, und nicht nur der Bauernsohn, der Krüppel oder der Mörder, als der einer geboren ist.

Aber auf wen in sich, beruft man sich, in der Stunde der Not? Aus wem in mir ziehe ich den Text der zu schreiben ist, wenn der an den Tasten nur ein Sekretär, ein Dummkopf ist? Aus dem Schriftsteller der sich an mir spiegelt? Aus dem Unternehmer der sich an mir Spiegelt? Aus dem Handwerker, der sich an mir spiegelt? Aus dem Autoverkäufer, dem Kellner, dem Buchhänder, aus allen lieben Freunden, die sich alle an mir spiegeln? Was für ein Monster es wird, wenn einer einen Stein in seine Scheibe wirft, wie sich in den Fragmenten die Augen der Anderen als Facettenaugen und ihre Arme als Tentakel verspiegeln werden ...

Aber ich beschreibe das nicht.

Um aus seiner Vielzahl wieder einen Mensch zu machen, müssen die vielen flachen Abbilder aufeinander gelegt werden bis sie Umfang ergeben. So dicht aneinander sind dann der Autor der man ist, der Schreiner und der Koch der man auch ist, der Muttersohn, der Vatermöder und die Schwuchtel die man genauso ist, nicht mehr als einzelne zu erkennen, kehren als die Geister, die sie alle sind, zurück in die Flasche des Ichs. Das passiert automatisch jede Nacht im Schlaf. Deshalb eignen sich die ersten paar Stunden nach dem Erwachen gut zur Eigeneichung. Im Laufe des Tages purzeln wir während des Gefechts in unsere eingebeizten Einzelteile auseinander, abends sind wir ein Kongress von Kapitalisten. Ruchlos schlagen sie einander nieder um mächtig zu sein. Diesen Figuren darf man es nicht erlauben unsere Bücher für uns schreiben, ganz zuletzt dem Autor, er eignet sich überhaupt nicht.

So schreibe ich nicht. Ich schreibe also nicht. Deswegen schreibe ich nicht. Schreiben soll ich nicht. Ich schreibe also nicht. Also schreibe ich nicht.
Ich schreibe nicht.
Ich schreibe nicht.

Ich schreibe nicht.

Thursday, September 16, 2010

16.9.2010, Berlin

Im Beutel ohne Luft,

behält die Zwiebel ihren Duft.

Dort kocht sie ihr eigener Saft,

Hahnenwasser nähm’ ihr bloss die Kraft.


Die Zwiebel ist ein Hüllentier,

ein eitles Gemüse, so wie wir.

Woran liegt es denn nur, das wir so fad schmecken?

Sollte man uns vielleicht auch in Vakuumbeutel stecken?


Meine Freunde sind jung wie ich

und tummeln sich meistens ohne mich.

Während ihre inneren Schalen sterben,

können sie gemeinsam grösser werden.


Dann spinnen sie Fäden an denen Haken hängen

und lernen immer wieder neue Menschen kennen.

Und weil sich dabei alle in die Quere kommen, entsteht ein Netz -

so krabbelt entlang schleimiger Fäden das Gesamtkunstwerk des Jetzt.


Hier ist das Erbarmungslose für uns Menschen dieser tollen Zeit:

In der Sintflut verliert jeder einen Teil von seinem eignen Geist.

Ist es nicht so, dass die Welt zwar in die Erde fällt,

der Wurm in der Wolke aber eine Professur erhält?


Unter Leuten beginnen meine Gedanken zu verkleben

Es fällt mir schwer dabei noch mich selbst zu sehen.

Im Bett hingegen träum’ ich mich mit anderen sitzen,

um einen runden Tisch, gespannt mit Geistesblitzen:


Würden wir die Dämonen wenigstens verkaften.

könnten wir mehr unsres rechten Glückes pachten!

Denn mit ihren Angriffen auf unsere Intelligenz,

schenkt uns schlechte Gesellschaft Lebenseffizienz!


Nun frage ich mich, ob es weiser macht,

das mit der Zwiebel und ihrem Saft.

Denn wer in sich selbst kocht wird weichlich und stirbt

abseits der Gesellschaft, die sich derweil von selbst verdirbt.

Thursday, September 09, 2010

9.9.2010, Berlin

Der Schauspieler als Mensch und das Schauspiel des Menschen.

Man tut und überlebt und geht seines Weges bis man geht. Man tut, man wird dabei gesichtet und für den Wert des darin erkannten von vielen beurteilt, und von einigen bezahlt. Tun und Publikum sind in jedem Leben vorhanden. Sie kommen im Doppelpack, sind voneinander abhängig und ergeben zusammen den Menschen, der im Grunde Schauspieler ist. In Folge ist der Schauspieler ein ganz besonderer Mensch, ein doppeltes Lottchen nämlich.

Das Tun sei eine Folge der Persönlichkeit, heisst es, es sei die Reaktion auf ein kompliziertes Hin und Her von Innenwelt und Aussenwelt. Warum auch nicht? Aber warum sollte man, wenn im eigenen Leben die Karten so oft von fremder Hand gemischt werden, von einem Leben mit einem Charakter sprechen, und warum sollte man dabei hoffen, sich selbst und seine Freunde jemals gut zu kennen?

Wir mögen während unseres Lebens einen Körper und einen Namen und die eigensten Marotten haben, aber schon passiert etwas unvorhergesehenes und unser Verhalten ist nicht mehr wieder zu erkennen. Das wir zu dieser Abweichung fähig sind, steht im Dienste unseres Lebens, gleichsam ist es der Hinweis darauf, das wir eben keine unbeweglichen Originale, sondern Schauspieler sind - Menschen, die nach Rollen leben, und, auch wenn die eine eine Liebste ist, in der Not zur Andern wechseln oder improvisieren können. Daran ist nichts peinlich. Man geht zwar spielend, aber immerhin sich selbst spielend, des Weges. Derart ist der Ernst des Lebens.

Das Zusammenspiel von Innenwelt und Aussenwelt, das ist der innere Antrieb, der in der Mitte unseres Herzens liegt und uns fortwährend das Buch nach dem wir handeln schreibt, während wir, am Rande des Herzens danach spielen und uns gleichzeitig, auf dessen Oberfläche, zurücklehnen und beurteilen. Es sind zwei zweiseitige Beziehungen in uns. Eine zwischen dem Autor und dem Schauspieler, eine zwischen dem Schauspieler und dem inneren Publikum, aber niemals, vielleicht erst wenn das Herz aufhört zu schlagen, wird der Autor dem inneren Publikum bekannt gemacht. Das Theater und seine Dreifaltigkeit nimmt auseinander und institutionalisiert, was schon in jedem Einzelnen vereint ist und ihn zum perpetuum mobile macht. Dabei kommt es darauf an, worin es sich bewegt. Das Wasser welches über die Schaufelräder unseres mobile gefallen, sie durch selbstüberwindende Steigkanäle abermals erreicht, färbt sich mit der Zeit, und je nach dem wohin wir treiben anders.

Ein Schauspieler ohne äusseres Publikum, oder ein Mensch ohne sein inneres, wäre, da er so zu keiner Iteration genötigt würde, der originellste Mensch - ein “Mensch an sich”. Um sich einen solchen vorzustellen, müssten wir in unsere Tiefe gehen. Wer ist dieser schwarze Klumpen der wir sind? Er ist nie ganz zu erkennen, denn er veräussert nur. So wie die Sonne strahlt und blendet, sehen wir nie in ihren Kern. Dies ist nicht abzulegen, da der Schauspieler, der wir nun einmal sind, mit seinem eigenen Publikum ausgestattet, und zur ewigen Sichtung seiner selbst gezwungen ist. Womit wir es zu tun haben, sind nicht herzuleitenden Ableitungen des Originals - immerhin. Selbstreflexion, so wie wir es verstehen wollen, gibt es also nicht, höchstens Nachdenken. Und darin ist ein vages Kennenlernen möglich. Als kritische Betrachter der Rollen die man entwickelt, werden uns Rückschlüsse erlaubt, welche die Umrisse des Selbst schemenhaft erkennen lassen. Dabei kann uns gefallen was wir sehen, oder eben nicht. Wir werfen Rosen auf die Bühne, oder Eier, schreien, weinen, lachen und nässen, so umschmeicheln oder geisseln wir den verborgenen Schauspieler und den unsichtbaren Autor - in dieser Weise schrauben wir an unserem Glücklichsein, indem die Beziehung zwischen diesen Teilen von uns, immer eine tätige ist. Zuerst all dies, erst an zweiter Stelle kommen unsere Freunde, unsere Zuhörer und Mitspieler als Publikum der Aussenwelt ins Spiel, dafür haben sie im Gegensatz zum Inneren Publikum, einen direkteren Draht zu unserm Innersten, was daran liegt, das jeder nur sich selbst eine so blendende Sonne ist, aber nicht den anderen.

Beim Schauspieler ist beides doppelt vorhanden, sowohl das Schauspiel, als auch das Publikum. Von den Kunstformen hat keine das Leben derart gedoppelt, wie das Theater, und indessen auch der Film. Nicht jeder schriebt, nicht jeder liest, nicht jeder malt, und wenige denken, zumindest nicht auf die institutionalisierte Weise, welche die Kunst, sobald das Wort gesprochen ist, dem Künstler, oder dem Philosophen, auferlegt. Ob Künstler oder nicht, jeder lebt und spielt, ob Schauspieler oder nicht. Also ist das Theater die unmittelbarste der vielen Verarbeitungen und “Verkunstungen” des Umstandes das wir alle sind, und unser Leben lang tun, sprechen, hüpfen, singen, denken - so eben, wie im Theater.

So kann man durch den Schauspieler, und wie er eher veräussert, als das er nachdenkt (was dem Schreiben gleichkommt) die auf- und ausführende Natur jenes Teils von uns erkennen, dessen wir am bewusstesten sind.

Innerlich gut vernetzte Menschen können gut improvisieren, von Tag zu Tag, so wie auf der Bühne - sie bräuchten aber kein Theater, um gute Menschen zu sein.

Und was macht sein Doppelspiel aus dem Schauspieler? Wohl nicht mehr als einen Menschen, mit dem Wahnsinn seines gleichen. Die Frage ist also eher: Aus was macht dieses Doppelspiel einen Menschen? Aus welchen Kreaturen werden, dadurch das sie Schauspieler sind, Menschen? Es sind solche, denen das innere Publikum abhanden kam. Entweder ist es stumm, oder es hat das Theater verlassen, und nur die üblichen Verdächtigen in den Sitzreihen zurückgelassen: den Schlafenden, den Werfenden, oder den Schreienden. Als Reaktion auf einen der drei, um ihn zu wecken oder um zurück zu schreien, spielt der Schauspieler, und als einer dieser drei, denkt er nach.

All dies ist bezeichnend für den Schriftsteller, dessen Schauspieler besser mit seinem unsichtbaren Autor, als seinem nahen inneren Publikum zurecht kommt, somit nur Belangloses aus der Tiefe schöpft und der von den Monologen die er sich auf der Bühne sprechen hört, zwar recht taub geworden aber im gelangweilten Geist seines inneren Publikums zum Erbauen von bewohnbaren Luftschlössern befähigt worden ist.

Friday, September 03, 2010

3.9.2010, Berlin

Links die Bahngeleise, fünf Stockwerke weiter unten. Die Züge hört man durch die dicke Verglasung kaum, was die Autoren hier sicherlich schon auf die Magnetbahn brachte, die sich nun rot durch ihren Text zieht.
Vor mir ein Dutzend Schreibtische, hinter mir auch. Jeder eins, zwei oder drei Becken breit und im Boden verankert. Das sind nun tatsächliche Arbeitsplätze, oder Stellen, freier als in jeder Firma, aber dafür akademisch belastet - für jeden sogar ähnlich, wie für Studenten ohnehin. Wer seine Arbeit statt irgendwo, irgendwo anders tut, zum Beispiel eben in der Universitätsbibliothek, kommt offenbar nicht unbemerkt davon. Die Ruhe und die Konzentration mit der uns ein Ort befliesst trägt Sediment. Körniges kommt mit. Niemand der nicht hirnlos ist, kann dem Mantel den die Welt fortwährend um uns legt entschlüpfen. Um so weniger der Künstler.
Zunächst bot sich mir dieses Tischlein als Enklave an, in der ich endlich alles darf. Luftschlösser bauen, vor allem, wie alle anderen. Ich sitze und schaue. Ich denke und ich arbeite. So füllt sich die Freiheit, bis sie weg ist. An dieser Stelle wird die Stelle durch den Menschen ersetzt, er hat sich mit seinem Geist umgeben und beginnt darin zu treiben. Das ist die ideale Verfassung eines Arbeiters: Ein Körper auf geistigem Luftkissen: Schnell und agil, mit selbsterneuerndem Gas. In der Firma übernimmt ein anderer das Ruder. Andere dürfen selbst.
Rechts von mir die Bücherreihen, die eigentliche Bibliothek. Sie schluckt die Geräusche. Tatsächlich, ich huste, und sie nimmt es mir weg. Ich habe begonnen Bücher auch zu hassen. Die Objekte, wie Ameisen, so wie die Literatur. Tausende feindlicher Invasionen für Leser und Schreiber. Und feinster Ausdruck des Schwachsinns und der Selbstverliebtheit guter Menschen. Ich wünschte die Literatur wäre unmenschlicher. Es schimmern immer die feuchten Lippen, das dumme Gesicht oder die Arroganz des Schriftstellers durch den Text, wenn nicht alle drei, immer mindestens eines davon. An ihm haftet zudem nicht nur der Dreck eines Menschen, sondern auch der seiner verrückter Eltern und Grosseltern. Buchhandlungen sind ein Spiegel für den aktuellen Stand der Katastrophe, die die Welt seit dem Menschen befallen hat. Und Bibliotheken sind die Archive dafür. Man muss zur Fliege werden, in jeder Hinsicht. Klein, fein, im Dreck, aber nicht dreckig.