Thursday, July 02, 2009

2.7.09, Berlin

Sommerteich
Sommerteich
In dir liegt ne Leich
Tiwaz wollt mit Liebling schwimmen gehen
an kalten Wassers Liebesfrüchte zehren
Ganymed, warum ist dein Gesicht so bleich?
Sommerteich
Ach, Sommerteich
du bist ein Todesreich.

Wednesday, July 01, 2009

1.7.09, Berlin

Da öffnet Kap Arkona seine Mergeltore
und ein Annanaskuchen heisser Luft fällt auf den Platz.
Arkona!
Aaaaah!
Der Himmel tut sich auf wie das freie Gefühl eines sommerlich in die Wiese gekippten Mülleimers.
Abendbotschafter schlüpfen um uns herum fliegen Marienkäfer in uns hinein.
Ein Traum!
Honecker mit Annanas auf dem Kopf!
Hurtige Ping Pong Bälle mit Pinkoiden!
Schluckbüsche sind Senatoren verschütteter Flüsse!
Bänke sind kauernde Raucher!
Das Blatt auf dem Kies ist eine Sternschnuppe!
Babys sind Sommerkaiser!
Getrunkene junge Schwestern verlängern das Leben und töten die Freude!
Der blau-grüne Balkon im Himmel, der verlassen und grün ist, ist eine Projektion der Erdwürmer, die über der Hölle braten.
Der Gedanken an Essen und Schlafen sind in der Liebe so schön dass Tränen fliessen wollen!
Wenn es so heiss ist, ist es auch scharf und grau-gelb und die Dinge sehen alles in allem echter aus als sonst.
Wenn man dann in der Wiese liegt, ist es ein gegenseitiges Bewässern der Beteiligten, egal worum es geht.
Und wenn sich Sand in der Luft befindet, dann ist das eine Folge der Freude eines Menschen auf der gegenüberliegenden Seite der Erde, der dachte er sei das Meer, vor dem der Sand sich fürchtet, egal wie weit er entfernt ist, weil ja die Gefühle immer sofort in den Boden fallen, die Erde durchqueren und an der anderen Seite herauskommen und dann ins All purzeln wo dann, ohne, dass sie je verschwinden, nie mehr etwas mit ihnen passiert, ausser dass sie an einem Punkt zu Gesicht bekommen werden, was Leben und Universum und alles, alles, alles erklärt. Und wir sind zu jeder Zeit damit verbunden, durch eine fantastische Spinnenseide. Manchmal wischen wir sie uns aus dem Gesicht.

Monday, June 15, 2009

15.6.09, Berlin

Tiefer, triefender Schlaf nach Mittag: Der arme Junge war plötzlich in einem entfernten, dunklen Bereich des weltumspannenden Warenhauses eingesperrt. Lautlose Motoren hatten die dicken Glastüren plötzlich mit Eigensinn geschlossen um diesen kleinen Menschen in der feuchten Dunkelheit zwischen modernden Kühltruhen und Regalen einzusperren - zusammen mit den bösen Geistern der von diesem Ort verschlungenen; sie griffen bereits nach dem Jungen. Würde er entkommen, sein Leben wäre für immer mit dem Gift dieser Erfahrung befallen; würde er sterben, sein Tod wäre ruhelos. Aber der Junge schrie und erbrach, wehrte sich mit seiner tiefsten blutdurchzogenen Säure. In der entsetzen Menge auf der anderen Seite der Glastür schrie einer: Er hat eine Herzattacke! Der medizinische Begriff versetzte mich in Bewegung, ich riss an den Türen, mit meiner Berührung gaben sie merkwürdig einverstanden nach, man kam mir zu Hilfe, der Junge würde bewusstlos geborgen, jemand fragte mich: Sind alle Deutschen Helden? Ich wollte sagen, ich bin kein Deutscher.

Sunday, June 14, 2009

14.6.09, Berlin

Schliesslich ist es ein langsamer Abschied vom unnachgiebig Vergehenden; begleitet vom Lamento goldener Dämonen-Boten – das Super-Ego hat sie geschickt! Auf meinen Schultern sitzen sie zu dritt und rufen: Quä! Mäh! Bäh!

Derweil frage ich frage mich immer was als nächstes kommt der Wind um mir die Hand zu geben?

Derweil drückt das nasse Leichentuch der verzerrten Restkultur an meine Rezeptoren und die Flut bricht über mich.

Derweil zappelt mein Gemüt wie ein sterbender Fisch in einer gebrochenen Hand.

Derweil liege ich im Bett und begehre mit rasendem Herzen, Herzen im Hals, Herzen in den Augen; im Hirn pocht es die liebevollen Gedanken an die Rinde.

Derweil singt die grosse Nachtigall über den Marmorklippen; sie singt von Toca, vom unmittelbar Bevorstehenden; freundliche Hinweise einer unverständlichen Prophetin - dennoch beginnen sie mich auszurichten.

Derweil sieht die Lichtgeschwindigkeit von weitem schleichend aus. Dort reitet Odysseus, der elend Einzelne der entferntesten Front im Gleichschritt mit dem rasend expandierenden Universum; vor seinen erschöpften, suchenden Augen das Nichts als Täuschung von allem.

Derweil setzt sich einmal mehr das Sediment.

Friday, May 29, 2009

Tag 96

So müde war ich am Morgen: Nach Liebesträumen aufgewacht und aufgerichtet schoss mir das Blut in die Füsse und kribbelte meine Sohlen auf kalten Boden zur Dusche schlief ich fast ein und dasselbe Gefühl wie zwischen den kleinsten Teilen der Wahrnehmung ist man tot.

In der Redaktion: Unverhoffte Unwettergeschichte zugeteilt, zu meinem müden Ärger, fuhr ich sofort nach Hause, und trank den ersten Kaffee des Jahres.

Nachmittag: Termin beim Pfarrer. Schnelles Radeln in der Sonne. Gedanken an von Reifen gequetschte Körper und unter Chassis verkeilte Knochen, Schreie – mit offenem Mund und starrem Blick ins Kopfkino fuhr ich in Windeseile blind auf meiner Spur.

Später: Ich fange endlich an zu arbeiten. Wütend. So dass es alle sehen: Kopfschütteln, Kopf in den Händen, und Ohren hören: Sigh! Wird wirklich so Zeitung gemacht? Muss ich das wirklich mitmachen? Soll ich rennen? Zeitungen zerfetzen und rennen?

Dann beginne ich, umgebe mich mit Papier: Quellen, Notizen. Baue eine kleine Mauer daraus, darin laufe ich nicht aus. Mein Telephon, mein Blick am Bildschirm vorbei, im Fensterwind flatternde Zeitungsblätter, mach ich schon tippe ich und merke, die Sonne scheint darauf: Es ist mein letzter Tag. Ich denke es, dazu spielt die sentimentale Musik

„Es war schön mit dir“

„Es war schön mit euch“

Dann sind fünf Monate vorbei.

Auf dem Heimweg wird mir schlecht.

Nach Hause.

Dann ganz nach Hause.

Dann weiter.

Es war: Die langsame Umkehrung meiner einen Hälfte - sie entleerte sich und flutet jetzt die andere. Je geschlossener der Mensch, um so mehr: Jede Anfüllung benötigt eine Entleerung. Bleibt zu beachten in der folgenden Ausgleichung des Niveaus nicht allzu sehr zu übersteuern.

Friday, May 22, 2009

Tag 90

Jahre vergehen. Ich weiss nicht mehr wer ich war als es zuletzt schneite. Ich weiss ich kam gerade aus Berlin, die letzte Stunde von sieben, im Regionalbummler, und riesige Flocken schlugen auf die Schienen nebenan, schlugen auf die Mütze des Schaffners, er pfiff, dann immer weiter, tausend Stationen bis Friedrichshafen. Ich weiss die Teile griffen ineinander und hielten: Meine grosse Liebe, die Wochenenden auf den Marmorklippen, ich als Praktikant, ich und meine Arbeit, ich und meine Redakrion, ich und mein Lohn, ich Schuldenfrei, gesund, zwar nicht als Autor, aber sicher ganz, ganz bald wieder. Das war ein Rhythmus der mir gefiel. Vielleicht bin ich ausser Takt geraten, vielleicht ist der Takt draus geraten, vielleicht ist alles gleich, bloss ich, mein, das

Gegen Ende meines Praktikums droht das Drama, dramatisch Aussichtslos, verzweifelt versuche ich auszuharren, Klagemauer, Heulweib – Ich will doch stark und schmunzelnd sein. Für mich und für dich. Ich will doch einfach sein, egal was ist. Einfach für mich und für dich. Ich weiss bloss nicht was ich tun soll, in welche Richtung, was kommt denn bitte genau, danach? Pläneschmieden, Bildermalen, Bilderrahmen sollen helfen:

Jetzt Sommer.
Plan den Sommer.
Wo bist du im Sommer?
Sommer in Berlin.
Summer of Love.
Brotarbeit.
Bucharbeit.
Alles zusammen.
Ein Paket.
In Berlin!
Und da und dort!

Geht. Geht nicht. Geht gar nicht. Dann geht es wieder. Ich vertraue auf das von dem ich noch nicht weiss was es ist. Dies zieht mich an. Wie die Erde die Blitze. Die Ladungen, die ohne Wissen streben. Aber meine Meinungen:
Ich möchte nicht nach Hause.
Ich möchte immer nach Hause.
Ich bin pleite.
Plus Schulden.
Schuld.
Ich weiss nicht ob ich studieren möchte.
Ich weiss nicht womit ich Geld verdienen sollte.
Ich weiss nicht ob ich schreiben könnte.

„Jammern auf hohem Niveau“ würden sie hier sagen. Derweil tanze ich herum, fummle an meinen Einzelteilen, verrücke die Bilder, vermisse ihn, fühle mich immer schuldiger, immer unleidiger. Und drücke den Darm immer wieder zurück durch den Bruch. Und halte mich am Rücken wie ein alter Mann. Und wenn ich dann doch mal trinke, über mich Flut.

Seit das Haus gestrichen wird, krabbeln die Spinnen durch mein gekipptes Fenster, sie flüchten vor den giftigen Dämpfen der Farbe, direkt in die weissen, zitternden Hände eines Arachnophoben; betäubt von seinem teuren Parfüm, klatschen sie von de Decke in eine Tasse, in die Toilette, ein mal, zwei, drei mal spülen - dann auf Spitzenzehenfüssen gehen, die Augen überall, sturme Haare werden nass.

Dann geht die Sonne neulich vor mir auf. Drecksau! Und die Maler auf ihrem Gerüst schauen peinlich am halbnackten vorbei. Die Ahnung, dass jetzt alles wieder feucht und stinkig wird, Sommergedünst, schmorendes Fleisch in geflochtenen Plastiksesseln am Gehsteig, der Schweiss anderer weht durch die Stadt, auf meine Haut! – Nein! Nachher kann man duschen. Nachher kann man nach frischen Hemden greifen. Der Zustand ist vorübergehend. Sauberkeit kann sein, ich kann sie erschaffen. Und Sex, mein ständiger Gedanke, macht mich nicht nass, Sperma, wie Quecksilber, perlt ab, ich will immer mehr.

Dafür sind die Dinge jetzt so klar. Die Blumen, die Dächer, die Alpen, der Himmel, die vagste Wolke darin, von Sommersonnenstrahlen gebeizt. Sommerspektrum mit Sommerkontrasten: die Fähre dort, das Paddelboot, die Schuhschachtel im Hafen, die Pollenstränge in den Wellen – alles „ligne claire“, brilliant, unmissverständlich. Nicht wie die braunen Schuhe im braunen Schnee im Tag der nicht will und mich nicht will ihn nicht.

Über die Redaktion gibt es nichts zu sagen. Ich denke: Die Wirtin, seit fünfzig Jahren Wirtin, gefragt über diese Zeit als solche, blicken mich ihre Augen an, voll und nass, zum ersten mal vielleicht die Schminke schmierend, vielleicht danach am Wochenende mal in Jeans, vielleicht bald nicht mehr Wirtin, vielleicht bald alles anders– jetzt soll gleich ein Leben ausbrechen – dann schweigt sie, glücklich und traurig.

Heute Abend Wetterleuchten, Donnergrollen, der Hund knurrt und die Zwerge verschwinden unter den Gartensesseln, grosse Diskussion im Fackellicht, mit Schnaps, frisches Obst, sagen sie, dann fallen die ersten Tropen, alle auf ein mal, als hätte Petrus, diese Flasche, zugehört, und das spirituelle Gedämpfe eine verhockten Kongregation, zum Streich, wieder zu Wasser gemacht, und der Regen klatscht mit Hagels Härte übers Haus, dann zieht er eins weiter, verrichten sein Werk mit teuflischer Präzision, Land unter, Land unter dem Herren - eine weitere, komische, neue Heimat für mich.

Dann in meinem Zimmer, gerade unter dem Dach, dröhnte das Haus im Sommersturm und ich bin, wie schon heute morgen, wie schon gestern, wieder glücklich.

Monday, April 20, 2009

Tag 66

Heute Abend war das Licht gelb und die Luft schwer und wie von unscharfen, bald reissenden Wolken dicht gegen die Erde gedrückt, auf die sich in jedem Moment schwerer, schöner Hagel entleeren würde. Das gelbe Licht in dem alles sauber und ordentlich wirkt, in dem alles gefasst an seinem Ort harrt, selbst die Pflanzen, wie mit angespannten Wurzeln; sogar die eilig unters Vordach gestellten Blumentöpfe halten ihre Risse fest geschlossen; die Tulpen, die sich nicht bewegen können, scheinen nun ihre innerste Lebenskraft auszustrahlen, gespannte Köpfe, rot und gelb, fast sieht man sie sich noch ein bisschen weiter gegen den Himmel strecken. Der Hund jaulte schon im Kreis herum, ich stand und rauchte. Mit einem Windstoss kam der Geruch, der vor dem Regen kommt, dann zog es vorüber, dann blieb es trocken. Weit im See schlugen Blitze ein, immer drei vier aufs mal, durch ascheschwarzen Wolkennebel, das Gelb war verloren, die rollenden Wolken wurden vom Wind in scharfe Formen gestossen, über den See, der Schweiz entlang, gegen Westen vom letzten gebrochenen Sonnenlicht bald in tiefes rot geworfen, das sich im See noch dunkler spiegelte, und dann wurde es Nacht, mit hektischen Sturmlichtern rund um den See, und alles war erschöpft