Wednesday, September 02, 2009

2.9.09, Berlin


Efeusucht

Ein Sonderfall.
Ein Einzelfall.
Im Einzelfall.
Unteilbar.
Ich, heilbar?
Scheinbar
alles
gosses
ein Glück.
Liebe, Liebe
La La La
Aber nur etwas!
zu teilen
zu zweit
Einander.
Und das Essen
und die Waschmaschine
und die Zahnpaste
und die Kugelschreiber und das Geld
und die Bettwäsche und der Fussboden
und die Zimmerluft und das Leitungswasser
und die Ausgänge und die Eingänge und die Aufgänge und die Untergänge
Sonst nichts.
Natürlich, jeder ist sein eigner Herr -
zusammen mit dem anderen Herr.
Doppelherr.
Beide gemeinsam
und jeder für sich.
Damit Leben Leben leben lässt
und Liebe Liebe sich lieben kann.

Monday, August 31, 2009

30.8.09, Berlin

An diesem Sonntag zieht sich eine Strasse sauberer Meeresluft durch den Prenzlauer Berg. Wie seit Tagen schon, riecht die Luft ganz frisch gemacht, mit kühlem Ozon bis in die Lungenbläschen. Die bunten Häuserschluchten und ihre Kastanienbäume erscheinen beim Gehen im Wind satt im Kontrast, wie die Föhnwind-Alpen hinter dem Zürichsee, immer gleich vor der Nase. Ach wie schön, denke ich auf der Suche nach einer Sonntagszeitung – als erlebe ich eine altbekannte Szene. So ist das Leben in einer anderen Stadt auch nur leben in einer anderen Stadt. Solange es Sonne und Sonntage gibt, schreiten wohl auch die Bewohner von Shangri-La nicht allzu entfremdet durch ihre erstaunliche Haft.

Monday, August 24, 2009

24.8.09, Berlin

Im Denktank morgens bis Abends einschliesslich Wochenende zeitweise tanze ich auf allen Hochzeiten ohne je zu heiraten will man doch immer auf der Stelle. Dass dabei die Strecke auf dem Herd bleibt verkochen wir gerne ab und zu hausgemachte Vinaigrette und Artischoken über Mittag klappert man jeden Mittag eine neue Essbude kleckert sich immer wieder anders auf die Wochenhose ab und kauft sich ein Buch, oder zwei, im Antiquariat, in dem jeden ersten jedes eine Werkstattfindet, mit Nepomuk Ullman.

Wenn meine Freunde etwas sagen, nämlich, höre ich dabei doch nur zu. „Er spricht nicht so gerne“, sagte er über mich zu einem der sich den Tag lang auf Kreuzberger Sitzgelegenheiten verfolgt fühlt, zudem ohne zu trinken. Das Bild gefiel mir. „Es sind doch immer nur die Bilder, in denen du dir gefällst“, sagte ein Anderer. Ich verstand mich aus der Affäre zu schwatzen, aber mich überzeugte ich nicht. Solange es andere zu überzeugen gilt, hält der eigne Glaube stark; sobald es gelingt, zerfällt er.

Zu wissen, zu riskieren, zu wollen, den Mund zu halten. So plätschern die Tage ganz sinnvoll vor sich hin.

Gestern in Dürrenmatts „Panne“ gelesen uns gedacht: die wirklich guten Albträume entfalten sich immer aus Situationen in die man durch unschuldige Fehltritte gerät, die einen unermessliche Schulden auflasten. So träume ich ab und zu davon, wie mir die Welt aus Versehen, aus dummer Ungeschicklichkeit, aus der Hand rutscht und am Boden zerspringt. Wie verwegen von meinem Geiste mir nie ein Wassereis in die Hand zu träumen.

Monday, August 10, 2009

10.8.09, Berlin

Die Hauptquartiere des Berliner Denktanks im zweiten Stock eines Backsteingebäudes der Kreuzberger Sarotti Höfe waren mir mit in Ecken geworfenen Kissen, Rollbrettern und einem gelegentlichen Hund, beim ersten Anblick bereits recht vertraut; es ist das Modell fair mais laissez-faire, dass sich seit Maria Montessori in der Erziehung, und seit Silicon Valley im Unternehmertum etabliert hat; so wird die westliche Kultur bald von einer Generation geschaffen, die ohne die Erinnerungslast des letzten Jahrtausends handelt, die nicht erstaunt sein wird, wenn der Arbeitsplatz und das Schlafzimmer immer ähnlicher werden. Einmal mehr, kommt die Arbeit nicht so ganz als Arbeit daher. Die grossen Räume und das pragmatische Mobiliar des Denktanks führen indessen bereits jene flugrostartige Patina, welche nur strebende Jugend verursachen kann.

Alle meine Aufgaben sind mir nach einer Woche noch ein bisschen schleierhaft. Ich glaube aber in die schöne Position gerutscht zu sein, in der ich mir aus der unübersichtlichen Masse des zu Erledigenden die Rosinen pflücken könnte. Wie ich mich nach ihnen umsehe, blinken sie mir auch schon zu: es ist die Übersicht, die am schönsten funkelt. In meinen Augen sehnen sich die Brocken am Boden immer danach, von mir zusammengetan, aufgeräumt, veredelt und vollendet zu werden. Deshalb sind kochen, schreiben und staubsaugen, Dinge, die ich immer tun muss.

Friday, July 31, 2009

31.7.09, Friedrichshafen

Um mir den Weg über die Treppen auf das Passagierdeck zu ersparen, sitze ich während der Überfahrt von Romanshorn nach Friedrichshafen auf meinem Koffer neben den Fahrrädern und Wagen. Ich sehe als grösste Erhebung hinter dem nahenden Ufer den Gehrenberg; ihn erklomm ich mit dem Rad, einmal kreuz und quer durch den verschneiten Wald, einmal auf der heissen Strasse. Ich sehe den Aussichtsturm auf dem Plateau, den ich nur bis zu seinem zweiten Stockwerk bestieg. Mir wurde erzählt, dass sich schon einige Menschen von ihm geworfen hatten. Ein dumpfes Geräusch hat sich seitdem in meine Vorstellung geprägt. Ich erinnere mich an die Aussicht: Der Flughafen hinter der Friedrichshafner Industrie, Kressbronn, Lindau, das ganze östliche Becken des Bodensees, Bregenz im Dunst, Fähren auf Kreuzkurs, die Alpen, der Thurgauer Seerücken mit seinen Schlössern. Ich komme zurück um die Sachen aus meinem ehemaligen Zimmer zu einzusammeln; so denke ich es mir - und die Sentimentalität ist konsequent. Während der ersten Stunden im alten Haus fühle ich mich überflüssig. Als hätte ich immer dort weitergelebt, als wäre ich nun in doppelter Ausführung präsent, als gäbe es deshalb keinen Platz mehr für mich. Später im Yachtclub beim Wurstsalat mir Gürkle, ist bereits alles wieder lächerlich. Der ewige See. Der ist der Deckel der Schatulle der Pandora. Berlin wiegt mit verschossenem Sandstein dagegen. Ab Dienstag für immer, habe ich gesagt.

Sunday, July 26, 2009

26.7.09, Gachnang

Bei jeder Bewegung die schmerzt, werfe ich einen Blick auf meine zwei Narben, um mich davon zu überzeugen, dass sie bluten. Sie bluten nie; die eine ist ganz trocken, die andere führt noch dunkles Blut, das gleich nach der Operation ausgetreten sein muss, in kleinen Lachen unter dem transparenten Pflaster. Wenn ich meine Unterhose anhebe, sehe ich auf meinem rasierten Unterbauch, der bereits wieder voll Stoppeln ist, zwei daumenlange Wülste, die von je sechs Klammern zusammengehalten werden. Sie ziehen sich wie zwei Augenbrauen über meiner Scham der Leiste entlang zur Seite. Die Behaarung, die sich zuvor fliessend über meinen Bauch zog, endet jetzt ein wenig oberhalb meines Bauchnabels, der mir, ohne die Haare rundum, wie in dicken Teig eingelegt scheint. Ebenfalls wurde eine handgrosse Fläche auf meinem linken Oberschenkel rasiert. „Warum wurde mein Bein rasiert?“, fragte ich den Krakenpfleger, der mich eine Stunde nach der Operation versuchsweise zu mobilisieren hatte. „Um sie zu erden.“, antwortete er und fragte, ob ich keine anderen Schuhe hätte. Er brachte mir meine schwarzen Tanzschuhe und half mir aufgeregt sie anzuziehen. Ich ging ein paar Schritte während der Pfleger mir gut zusprach. Dann war ich bereits diese Person, die sich an eine Infusion klammert und deren Hintern man durch den Schlitz des Nachthemds sieht.

Saturday, July 25, 2009

25.7.09, Gachnang

Wahnsinn an der Haut. Eine dünne, transparente Schicht unter der die Funken nicht springen wollen; schon ganz geschmeidig, weil sich jeder Gedanke daran stösst. Es gelingt nichts mehr und alles was sonst zu überwältigen ist, nur aus grösster Mühe gedeiht oder nur mit Not zu verhindern ist, liegt jetzt in der Hitze da draussen; zwischen den Lammellen sehe ich es flimmernd aus dem Lavendel steigen und die Grillen zirpen wie saudummes Publikum. Die Freuden der Dingen die mir sonst Freude bereiten, ziehen sich nach einem weiteren gescheiterten Versuch, es mir im Bett bequem zu machen, es mir im Roman bequem zu machen, es mir im Lied, im Film, in der Suppe und, schlimmstens, im scherbelnden Grenz-Satz der Steilklippe am Ende von Kapitel Kommtnoch des Buches Wirdschon bequem zu machen, zu einer kleinen, schweren Sinkkugel zusammen. Erst reisst sie die Laune und dann die gute Fähigkeit und zuletzt den Eichung des Kopfes mit sich in den Tiefenschlamm - es bleibt pures Talent für Klage! Eine angestossene Masse im All bewegt sich bis auf weiteres mit konstanter Geschwindigkeit in konstanter Richtung. Fall durchs All. Auf jeden Fall. Auf weiteres. Weiter Fall. Bis auf weiter geht’s! Geht es weiter geht? Bitte, bitte; bitte um, Bitte. „Aber, aber“, sagt Walter Faber, „es war noch nur ein Leistenbruch, komm mir nicht mit deinem Zauberspruch!“