Jahre vergehen. Ich weiss nicht mehr wer ich war als es zuletzt schneite. Ich weiss ich kam gerade aus Berlin, die letzte Stunde von sieben, im Regionalbummler, und riesige Flocken schlugen auf die Schienen nebenan, schlugen auf die Mütze des Schaffners, er pfiff, dann immer weiter, tausend Stationen bis Friedrichshafen. Ich weiss die Teile griffen ineinander und hielten: Meine grosse Liebe, die Wochenenden auf den Marmorklippen, ich als Praktikant, ich und meine Arbeit, ich und meine Redakrion, ich und mein Lohn, ich Schuldenfrei, gesund, zwar nicht als Autor, aber sicher ganz, ganz bald wieder. Das war ein Rhythmus der mir gefiel. Vielleicht bin ich ausser Takt geraten, vielleicht ist der Takt draus geraten, vielleicht ist alles gleich, bloss ich, mein, das
Gegen Ende meines Praktikums droht das Drama, dramatisch Aussichtslos, verzweifelt versuche ich auszuharren, Klagemauer, Heulweib – Ich will doch stark und schmunzelnd sein. Für mich und für dich. Ich will doch einfach sein, egal was ist. Einfach für mich und für dich. Ich weiss bloss nicht was ich tun soll, in welche Richtung, was kommt denn bitte genau, danach? Pläneschmieden, Bildermalen, Bilderrahmen sollen helfen:
Jetzt Sommer.
Plan den Sommer.
Wo bist du im Sommer?
Sommer in Berlin.
Summer of Love.
Brotarbeit.
Bucharbeit.
Alles zusammen.
Ein Paket.
In Berlin!
Und da und dort!
Geht. Geht nicht. Geht gar nicht. Dann geht es wieder. Ich vertraue auf das von dem ich noch nicht weiss was es ist. Dies zieht mich an. Wie die Erde die Blitze. Die Ladungen, die ohne Wissen streben. Aber meine Meinungen:
Ich möchte nicht nach Hause.
Ich möchte immer nach Hause.
Ich bin pleite.
Plus Schulden.
Schuld.
Ich weiss nicht ob ich studieren möchte.
Ich weiss nicht womit ich Geld verdienen sollte.
Ich weiss nicht ob ich schreiben könnte.
„Jammern auf hohem Niveau“ würden sie hier sagen. Derweil tanze ich herum, fummle an meinen Einzelteilen, verrücke die Bilder, vermisse ihn, fühle mich immer schuldiger, immer unleidiger. Und drücke den Darm immer wieder zurück durch den Bruch. Und halte mich am Rücken wie ein alter Mann. Und wenn ich dann doch mal trinke, über mich Flut.
Seit das Haus gestrichen wird, krabbeln die Spinnen durch mein gekipptes Fenster, sie flüchten vor den giftigen Dämpfen der Farbe, direkt in die weissen, zitternden Hände eines Arachnophoben; betäubt von seinem teuren Parfüm, klatschen sie von de Decke in eine Tasse, in die Toilette, ein mal, zwei, drei mal spülen - dann auf Spitzenzehenfüssen gehen, die Augen überall, sturme Haare werden nass.
Dann geht die Sonne neulich vor mir auf. Drecksau! Und die Maler auf ihrem Gerüst schauen peinlich am halbnackten vorbei. Die Ahnung, dass jetzt alles wieder feucht und stinkig wird, Sommergedünst, schmorendes Fleisch in geflochtenen Plastiksesseln am Gehsteig, der Schweiss anderer weht durch die Stadt, auf meine Haut! – Nein! Nachher kann man duschen. Nachher kann man nach frischen Hemden greifen. Der Zustand ist vorübergehend. Sauberkeit kann sein, ich kann sie erschaffen. Und Sex, mein ständiger Gedanke, macht mich nicht nass, Sperma, wie Quecksilber, perlt ab, ich will immer mehr.
Dafür sind die Dinge jetzt so klar. Die Blumen, die Dächer, die Alpen, der Himmel, die vagste Wolke darin, von Sommersonnenstrahlen gebeizt. Sommerspektrum mit Sommerkontrasten: die Fähre dort, das Paddelboot, die Schuhschachtel im Hafen, die Pollenstränge in den Wellen – alles „ligne claire“, brilliant, unmissverständlich. Nicht wie die braunen Schuhe im braunen Schnee im Tag der nicht will und mich nicht will ihn nicht.
Über die Redaktion gibt es nichts zu sagen. Ich denke: Die Wirtin, seit fünfzig Jahren Wirtin, gefragt über diese Zeit als solche, blicken mich ihre Augen an, voll und nass, zum ersten mal vielleicht die Schminke schmierend, vielleicht danach am Wochenende mal in Jeans, vielleicht bald nicht mehr Wirtin, vielleicht bald alles anders– jetzt soll gleich ein Leben ausbrechen – dann schweigt sie, glücklich und traurig.
Heute Abend Wetterleuchten, Donnergrollen, der Hund knurrt und die Zwerge verschwinden unter den Gartensesseln, grosse Diskussion im Fackellicht, mit Schnaps, frisches Obst, sagen sie, dann fallen die ersten Tropen, alle auf ein mal, als hätte Petrus, diese Flasche, zugehört, und das spirituelle Gedämpfe eine verhockten Kongregation, zum Streich, wieder zu Wasser gemacht, und der Regen klatscht mit Hagels Härte übers Haus, dann zieht er eins weiter, verrichten sein Werk mit teuflischer Präzision, Land unter, Land unter dem Herren - eine weitere, komische, neue Heimat für mich.
Dann in meinem Zimmer, gerade unter dem Dach, dröhnte das Haus im Sommersturm und ich bin, wie schon heute morgen, wie schon gestern, wieder glücklich.